Nachlese

 

F E D E R L E I C H T   U N T E R W E G S

Die Braunschweigische Landschaft und die Sternwarte Hondelage luden ein zu einer Lesung am 11. April 2019

 

Zehn Jahre nach dem Erfolg des ersten "Braunschweiger Lesebuchs" ist vor Kurzem - überarbeitet und um zwei neuere 'Fundstücke' und fünf Erstveröffentlichungen erweitert - "Das Zweite Braunschweiger Lesebuch" erschienen: eine facettenreiche Anthologie mit literarischen Beiträgen u.a. von Daniel Kehlmann, Axel Hacke, Rafik Schami, Georg Oswald Cott und Rolf-Dieter Krause. Im Mittelpunkt der Texte steht erneut die Löwenstadt Braunschweig selbst, die den schwierigen Spagat zwischen Tradition und Moderne beherrscht, mit all ihren Eigenheiten, ihren Besonderheiten und ihrer ganz speziellen Fähigkeit, Heimat zu geben. Einen neuen Schwerpunkt bilden Kindheit und Jugend in der Stadt nach dem 2. Weltkrieg, im ehemaligen Zonenrandgebiet.

Unter dem Motto "Federleicht unterwegs" lasen in der Sternwarte Hondelage Kirsten Döbler und Lutz Tantow, beide Mitglieder der AG Literatur in der Braunschweigischen Landschaft, ihre eigens für "Das zweite Braunschweiger Lesebuch" verfassten Texte sowie die Herausgeberin des Buches, Karin Tantow-Jung.

 

 







Februar 2019
Zufälliger Tod eines Lehrers oder: Einfach umbringen geht nicht

 
Beim zweiten Federleicht-Lesenachmittag der AG Literatur der Braunschweigischen Landschaft im Raabehaus sollte es mörderisch zugehen. Krimis standen auf dem Programm. Zwei Autorinnen wollten sich die Kugeln zuschießen. Doch die erste, die es dahin gestreckt hatte, war die Autorin Eva Ehmke … allerdings nur für diesen einen Termin: Sie lag mit der gegenwärtig verbreiteten Grippe darnieder und wurde souverän von Helga Thiele-Messow ersetzt.
Den Anfang machte also Sigrid Schwarz-Diefenbach aus Mascherode. Sie kennt sich gut aus im Rautheimer Forst, wo Jogger zwischen Buschwindröschen ihre Runde drehen, bis Salzdahlum in Sicht kommt. Die halbschattige Strecke ist in der Sommerhitze beliebt. Wenn ein Gewitter naht, wirkt sie bedrohlich. Und wenn ein Schüler, der bei seinem Lehrer kein Bein auf den Boden kriegt, diesem bei der sportlichen Freizeitbetätigung im Wald begegnet, kann es kritisch werden. Kritischer noch, wenn der Lehrer ihn überheblich verhöhnt … und nach einem unüberlegten Schlag unglücklich fällt.

Der Aufbau ihrer Geschichten ist immer ähnlich, aber überraschend. Atmosphärisch wird dicht erzählt, ein narrativer Kosmos mit wenigen Sätzen geschaffen, so auch bei dem Helfer, dem es nicht gut erging: Kennt man aus der Zeitung: Da beobachtet jemand eine kritische Situation, greift schützend ein und hat das Nachsehen. Schwartz-Diefenbach erzählt zwei Schluss-Varianten, eine mörderische und eine gute. Weil das brutale dann doch zu brutal sei, meint sie. Wie sie Spannungsbögen mit Kurzsätzen aufbaut und ihr Personal durch Soziolekte schafft, ist nahezu perfekt.
Ein scheinbar unverfängliches Parlando kippt. Ein harmloser Laubenpieper wird Opfer eigener Schneckenattacken.
Das Motto - "Einfach umbringen geht nicht" – zog sich durch alle Lesungen. Auch beim Unfall auf Obstresten, wie in der Kurzgeschichte "Entblütet" von Helga Thiele-Messow.  In ihrer zweiten Geschichte sticht eine Frau auf ihren Freund ein, da sie seine freudliche, stoische Ruhe nicht länger ertragen kann und ihr klar geworden ist, dass die Beziehung zu ihm ein Luftschloss war.

Weit hergeholt werden einige sagen. Andere meinen: Genauso kann’s gehen!
 
Text: Dr. Lutz Tantow




Januar 2019

"Unausweichlich" - Federleicht-Lesung mit Kirsten Döbler und Helga Thiele-Messow
 
Das von Kirsten Döbler besungene "Wunder der Eisblumen-Malerei" blieb an diesem Tag aus: Vor der Tür gab es nur nasskaltes Aprilwetter Anfang Januar, und der Saal im Raabe-Haus:Literaturzen­trum war proppevoll - wie immer, wenn die AG Literatur der Braunschweigischen Landschaft zum Jahresauftakt ihrer "Federleicht"-Lesereihe lädt. Sprecherin Helga Thiele-Messow und Kirsten Döbler teilten sich den Abend auf. Prosa satt: Döbler las zwei aktuelle Texte mit inhaltlichen Bezügen zum Herzog Anton Ulrich Museum, zunächst über eine nicht ganz kultur-affine "Schwiegermutter", dann die etwas düstere Erzählung "Wintertage" über die Allegorie der Vergänglichkeit, erschienen im "Zweiten Braunschweiger Lesebuch". In beiden Texten gelingt ein wunderbares Zusammenspiel der Motive aus Bildender Kunst und Erzähl-Literatur.

Heiterer ging es in den beiden Texten von Thiele-Messow zu: In "Heißer Tee und eine Erinnerung" hilft ein hübsches Haustier bei der Rache an einem unliebsamen Lehrerkollegen namens Luftschlag. Und in dem modernen Märchen "Lena verliert ihr Smartphone", das nach einem Besuch der Literaturgruppe in der Grimmwelt Kassel entstand, spielt Pedro der Papagei die Rolle des inoffiziellen Mitarbeiters und Schnapsdrossel zugleich – höchst unterhaltsam!

In der Pause nahmen die zahlreichen Gäste und die anwesenden Autoren bei Sekt und Kuchen mancherlei Gesprächsgelegenheit wahr, tauschten sich über aktuelle Literaturtermine sowie schriftstellerische Vorhaben aus und stießen auf ein erfolgreiches Literaturjahr an. Alle Termine der "Federleicht"-Lesungen, in der Regel jeden ersten Sonntag im Monat (wenn nicht gerade der Schoduwel durch die Stadt zieht) finden Sie >> hier oder in der Tagespresse.

Text: Dr. Lutz Tantow