Nachlese



Februar 2019
Zufälliger Tod eines Lehrers oder: Einfach umbringen geht nicht

 
Beim zweiten Federleicht-Lesenachmittag der AG Literatur der Braunschweigischen Landschaft im Raabehaus sollte es mörderisch zugehen. Krimis standen auf dem Programm. Zwei Autorinnen wollten sich die Kugeln zuschießen. Doch die erste, die es dahin gestreckt hatte, war die Autorin Eva Ehmke … allerdings nur für diesen einen Termin: Sie lag mit der gegenwärtig verbreiteten Grippe darnieder und wurde souverän von Helga Thiele-Messow ersetzt.
Den Anfang machte also Sigrid Schwarz-Diefenbach aus Mascherode. Sie kennt sich gut aus im Rautheimer Forst, wo Jogger zwischen Buschwindröschen ihre Runde drehen, bis Salzdahlum in Sicht kommt. Die halbschattige Strecke ist in der Sommerhitze beliebt. Wenn ein Gewitter naht, wirkt sie bedrohlich. Und wenn ein Schüler, der bei seinem Lehrer kein Bein auf den Boden kriegt, diesem bei der sportlichen Freizeitbetätigung im Wald begegnet, kann es kritisch werden. Kritischer noch, wenn der Lehrer ihn überheblich verhöhnt … und nach einem unüberlegten Schlag unglücklich fällt.

Der Aufbau ihrer Geschichten ist immer ähnlich, aber überraschend. Atmosphärisch wird dicht erzählt, ein narrativer Kosmos mit wenigen Sätzen geschaffen, so auch bei dem Helfer, dem es nicht gut erging: Kennt man aus der Zeitung: Da beobachtet jemand eine kritische Situation, greift schützend ein und hat das Nachsehen. Schwartz-Diefenbach erzählt zwei Schluss-Varianten, eine mörderische und eine gute. Weil das brutale dann doch zu brutal sei, meint sie. Wie sie Spannungsbögen mit Kurzsätzen aufbaut und ihr Personal durch Soziolekte schafft, ist nahezu perfekt.
Ein scheinbar unverfängliches Parlando kippt. Ein harmloser Laubenpieper wird Opfer eigener Schneckenattacken.
Das Motto - "Einfach umbringen geht nicht" – zog sich durch alle Lesungen. Auch beim Unfall auf Obstresten, wie in der Kurzgeschichte "Entblütet" von Helga Thiele-Messow.  In ihrer zweiten Geschichte sticht eine Frau auf ihren Freund ein, da sie seine freudliche, stoische Ruhe nicht länger ertragen kann und ihr klar geworden ist, dass die Beziehung zu ihm ein Luftschloss war.

Weit hergeholt werden einige sagen. Andere meinen: Genauso kann’s gehen!
 
Text: Dr. Lutz Tantow




Januar 2019

"Unausweichlich" - Federleicht-Lesung mit Kirsten Döbler und Helga Thiele-Messow
 
Das von Kirsten Döbler besungene "Wunder der Eisblumen-Malerei" blieb an diesem Tag aus: Vor der Tür gab es nur nasskaltes Aprilwetter Anfang Januar, und der Saal im Raabe-Haus:Literaturzen­trum war proppevoll - wie immer, wenn die AG Literatur der Braunschweigischen Landschaft zum Jahresauftakt ihrer "Federleicht"-Lesereihe lädt. Sprecherin Helga Thiele-Messow und Kirsten Döbler teilten sich den Abend auf. Prosa satt: Döbler las zwei aktuelle Texte mit inhaltlichen Bezügen zum Herzog Anton Ulrich Museum, zunächst über eine nicht ganz kultur-affine "Schwiegermutter", dann die etwas düstere Erzählung "Wintertage" über die Allegorie der Vergänglichkeit, erschienen im "Zweiten Braunschweiger Lesebuch". In beiden Texten gelingt ein wunderbares Zusammenspiel der Motive aus Bildender Kunst und Erzähl-Literatur.

Heiterer ging es in den beiden Texten von Thiele-Messow zu: In "Heißer Tee und eine Erinnerung" hilft ein hübsches Haustier bei der Rache an einem unliebsamen Lehrerkollegen namens Luftschlag. Und in dem modernen Märchen "Lena verliert ihr Smartphone", das nach einem Besuch der Literaturgruppe in der Grimmwelt Kassel entstand, spielt Pedro der Papagei die Rolle des inoffiziellen Mitarbeiters und Schnapsdrossel zugleich – höchst unterhaltsam!

In der Pause nahmen die zahlreichen Gäste und die anwesenden Autoren bei Sekt und Kuchen mancherlei Gesprächsgelegenheit wahr, tauschten sich über aktuelle Literaturtermine sowie schriftstellerische Vorhaben aus und stießen auf ein erfolgreiches Literaturjahr an. Alle Termine der "Federleicht"-Lesungen, in der Regel jeden ersten Sonntag im Monat (wenn nicht gerade der Schoduwel durch die Stadt zieht) finden Sie >> hier oder in der Tagespresse.

Text: Dr. Lutz Tantow

Stammtischschwestern und -brüder mit Federkiel


Die Idee wurde im Rahmen einer Tagung zur Vernetzung der Literatur- und Textwerkstätten im Braunschweiger Land geboren: Man trifft sich auf Einladung der Braunschweigischen Landschaft an wechselnden Kulturorten der Region, Autorinnen und Verleger, Schriftsteller und Dichterinnen, Organisatorinnen von Lesungen und Macher von Literatur-Events. Ein Austausch soll das Ganze sein, ein Kennenlernen untereinander, damit die schreibende Szene der Region weiß, was hierzulande literarisch läuft. In Braunschweig und Peine hatte das 2018 schon gut geklappt, viele neue Arbeits-Freundschaften wurden geschlossen – und jetzt nahm das Projekt im Wolfsburger Hallenbad seine Fortsetzung.

Die zwölf Teilnehmerinnen und Teilnehmer kamen, wenn sie nicht ein Heimspiel hatten, aus Braunschweig, Gifhorn, Helmstedt, Lehre, Wittingen und Wolfenbüttel und kannten sich vorher größtenteils nicht. Die drei spannenden Gesprächsstunden wurden von einer einfachen Vorstellung jedes einzelnen ausgelöst. Sie berichtete, wie sie zum Schreiben gekommen ist, er stellte sein neues Romanprojekt vor, ein anderer erklärte, wie und wo er seine Bücher publiziert, eine vierte stellte ihren Verlag vor. Die Textwerkstatt WOBBS erzählte davon, wie ihre Anthologie „Okernebel“ entstanden ist und jetzt vermarktet wird, eine in Wolfsburg lebende Afghanin las Verse auf Farsi vor und zeichnete ein Bild ihrer Poesie zwischen den Kulturen.Vor allem die individuell unterschiedliche Motivation zum Schreiben, die verschiedenartigen Herangehensweisen, die vielseitigen Genres von Fantasy, Krimi, Märchen, Kinder- oder Sachbuch, Lyrik, Erzählung oder große Prosa-Form – da öffneten sich neue Erkenntnisse, selbst für jene, die meinten, schon alles über die regionale Literatur zu wissen. So ein regelmäßiger und informeller Austausch ist Gold wert, das war sich die Gemeinschaft einig. Viele blieben länger als vorgesehen. Dank an die Braunschweigische Landschaft e.V. Der nächste literarische Stammtisch der Region ist Anfang 2019 in Gifhorn geplant – Termin wird rechtzeitig bekannt gegeben.


Text: Dr. Lutz Tantow




Landschaft  im gebrochenen Weiß
Frank Sauer stellte im Raabe-Haus seine Winter-Texte vor – Lesung am 2. September 2018


Schnee im Sommer, Kälte auf der Haut, Annäherungen im Frösteln, Gefrorenes zum Abschied – passt eigentlich nicht in die Jahreszeit. Und doch bot die Lesung eine willkommene Ablenkung von den Temperaturen draußen und zugleich die Einstimmung auf eine Jahreszeit, die als literarisches Sujet noch lange nicht ausgereizt ist – wie Sauer eindrucksvoll demonstrierte: Landschaft im gebrochenen Weiß.
Das Thema Winter als Vehikel und Katalysator für Gefühlsbilder und Befindlichkeiten, Erinnerungen und Stimmungen – darüber schreibt Frank Sauer in Kurzprosa, in Gedichten, in Haikus (der japanischen Lyrikform von Kurzversen). Eine längere Erzählung befasst sich anlässlich des unausweichlichen Todes im Winter mit der nachgetragenen Liebeserklärung an den sterbenden Vater, ein starkes Stück Prosa für die "Drehmomente der Welt".
Die Personen in den Geschichten von Frank Sauer sind gezeichnet von spitzen Eiskristallen im Gesicht und in latenter Gefahr, weil ein rutschiger Untergrund keinen Halt gibt. Ansonsten bleiben sie trotz rotgefrorener Nasen charakteristisch eher blaß. Es geht Sauer um anderes. Schneeverwehungen. Wer traut sich aufs Eis? Wer taut es auf? Wer sorgt für Wärme? Bilder, Formulierungen, Metaphern, Texte setzen sich fest in unserer Phantasie, werden von uns weiter gesponnen, setzen Assoziationen mit eigenem Erleben frei, sind alles andere als vom Winter verweht.
Ein letzter großer Reisebericht, der die Lesung beschließt, widmet sich Patagonien im Februar – was auf der Südhalbkugel Frühsommer ist. Aber richtig warm mag es dem Reisenden dort nicht werden. Er beobachtet vor allem Landschaften, beschreibt auch hier weniger Menschen und politische Situationen als vielmehr Steppe, wenig vitale Gegenden, unter anderem in Feuerland kalbende Gletscher, und: Was kann kälter sein als ein Flughafengebäude? Mich hat Frank Sauer mit seinen Texten angenehm überrascht und begeistert … die Zuhörer im vollbesetzten Raabehaus ebenfalls.

 

Text: Dr. Lutz Tantow




Schreibwerkstatt zum Thema "Frieden"

 

Die AG Literatur der Braunschweigischen Landschaft e. V. hatte zu einer Schreibwerkstatt zum Thema "Frieden" in das Raabe-Haus:Literaturzentrum eingeladen. Vom 13. bis zum 15. Juli trafen sich neun Autorinnen und ein Autor, um unter der Anleitung von Kathrin Lange, Autorin und Schreibtrainerin, an eingereichten Geschichten zu arbeiten und neue Texte zu schreiben. Die Kursteilnehmer_innen beschäftigten sich vorrangig mit der Erzählperspektive ihrer Texte.
Bei sommerlichen Temperaturen und in einer angenehmen Atmosphäre  bereitete die intensive Arbeit allen Beteiligten viel Freude.
Es ist geplant, die "Friedenstexte" während einer Federleicht-Lesung 2019 öffentlich vorzustellen.

 

 




Juni 2018: Besuch im Knusperhaus
AG Literatur besuchte die Grimmwelt in Kassel

Fünf Jahre ist dieses Literaturmuseum nun alt, höchste Zeit für eine Besichtigung durch die Schriftstellergruppe der Braunschweigischen Landschaft, die ihren Besuch in Nordhessen mit einer Schreibaufgabe verbunden hat (in einer Textwerkstatt werden demnächst die Ergebnisse ausgetauscht und diskutiert).

Das eindrucksvolle Gebäude auf einem Villenhügel steht am authentischen Ort, auch wenn die ursprüngliche Villa, in der die Brüder Jakob und Wilhelm Grimm, teilweise mit ihrem dritten Bruder Ludwig Emil, den Zeichner, den sie Louis nannten, wirkten, nicht mehr existiert – sie stand hier am Weinberg.

Was man zu sehen bekommt ist dreigeteilt, auf drei Ebenen. Oben die Fläche für Sonderausstellungen (beim Besuch der Braunschweiger gab es gerade keine), in der Mitte das eine Grimmsche Hauptwerk, "Das Wörterbuch der deutschen Sprache" von A bis Z, das heißt von "Ärschlein" bis "Zettel". Angereichert durch das Schicksal der Göttinger Sieben. Unten, im Bauch des Museums, wo es auch ein wenig gruseln darf, das berühmteste Werk der Grimms, die Sammlung der Hausmärchen nebst manchem biographischen Detail.

Eine Wand voller Zettel. Auf denen notierten Hunderte von Gelehrten Wörter, Begriffe, deren Bedeutung und Vorkommen. Die Grimms waren auch ohne Internet perfekt vernetzt und hatten in ganz Europa Korrespondenten. Da zahlte es sich aus, dass die Brüder polyglott waren. Die Präsentation zeigt diese "Vernetzung" sehr eindrucksvoll, digital und interaktiv. Hinter den Dioramen, die die Vertreibung der sieben Professoren aus der Universität Göttingen illustrieren, steht ein überdimensionales Hörrohr, ein Trichter mit ca. zwei Metern Durchmesser, die Schimpfwortmaschine. Man ruft "Pissnelke" hinein, die Grimms antworten mit "Afterbrut!" Sackgesicht: Blackscheißer! – Armleuchter: Fatzgespötte! Stinkstiefel: Hosenlump! Und so weiter. Ja, die Grimms sammelten auch Vulgärsprache, die Ausstellungsmacher haben einen Aggressionsabbau-Automaten daraus konstruiert.
Dann treten wir ein in die Märchenwelt: In 180 Sprachen sind "Hänsel und Gretel", "Schneewitchen", "Rotkäppchen" & Co. übersetzt. Generationen von Chinesen haben damit Deutsch gelernt. Im Knusperhäuschen ein Gruppenbild mit Mann. Eine Autorin hat sich ans Bett der Großmutter gesetzt und lässt sich erklären, warum die einen so großen Mund hat. Im Kino ein Zusammenschnitt von Märchenverfilmungen quer durchs 20. Jahrhundert, immer nur kurze Szenen, beindruckend parallel laufend und geschnitten. Kurzweilig auch, "Rumpelstilzchen" in verschiedenen Fremdsprachen und Mundarten zu hören. Und noch ein Highlight: Klappmaulpuppen wie aus der Muppets-Show spielen die Geschichte der Bücherwürmer Jakob und Wilhelm, die lieber mit der Literatur als mit ihrer Cousine Dorothea verheiratet sein wollten.
Dass die Grimmwelt mit dem Museumsrestaurant "Falada" (Name des Pferdes aus dem Märchen "Die Gänsemagd") auch einen kulinarischen Höhepunkt aufzuweisen hat, rundet den Besuch ab. Es ist sehr inspirierend am Kasseler Weinberg. Wir kommen wieder. www.grimmwelt.de


Text: Dr. Lutz Tantow





"Federleicht" im Januar 2018: Helga Thiele-Messow und Kirsten Döbler

"Liebe & Niedertracht" lautete das Motto der ersten Federleicht-Lesung in diesem Jahr, die die AG Literatur der Braunschweigischen Landschaft wie üblich jeden ersten Sonntag im Monat im Raabehaus Literaturzentrum Braunschweig veranstaltet. Und weil die beiden Autorinnen Kirsten Döbler und Helga Thiele-Messow bereits ein gewisses Renommee und einen entsprechenden Freundes- und Fankreis haben, vielleicht auch weil Januar-untypisch das Wetter außerordentlich gut mitspielte, war der Saal in Wilhelm Raabes Sterbewohnung bis auf den letzten Platz gefüllt.

Rund 50 Gäste ließen sich von den Erzählungen über verpasste Liebschaften verführen: Thiele-Messow las über ein ausgeschlagenes eindeutiges Angebot nach einer Disco-Nacht und eine Jahrzehnte später erneuerte Offerte mit verwechseltem Adressaten - amüsant ("Keine Paarungen"). In ihrer zweiten Leseprobe lässt die Autorin einer Frau regelmäßig Einkäufe vom "Mann vom Markt" nach Hause liefern … und noch etwas mehr. Als die doppeldeutigen Lieferungen unerwartet ausbleiben und die Frau sehnsuchtsvoll recherchiert, gibt es ein böses Erwachen.

 

 

Das stellt sich auch bei Kirsten Döblers Texten ein. Aus ihrem 2017 erschienenen Buch "Außer Balance" las die Autorin zwei Texte: In "Tante Klaras Nachlass" geht es um die Entdeckung einer niemals vollzogenen großen Liebe. Richtig niederträchtig aber wird es in der Erzählung "Unisono", in der ein scheinbar harmloser Musikunterricht in der Schule zum Erlebnis der dritten Art mutiert. Die Klasse 9a mobbt ihre Lehrerin auf ebenso subtile wie perfide Weise, was erdrückende Folgen hat.

 

Beide Autorinnen begeistern durch ihre präzise Beobachtungsgabe und die literarischen Mittel, den realistisch wirkenden Stoff sprachlich eindrucksvoll umzusetzen. Dabei arbeiten beide mit überraschenden Wendungen in der Handlungsführung, die das Publikum in Atem halten und im besten Wortsinn unterhalten. Ein gelungener Jahresauftakt.


Text: Dr. Lutz Tantow